Der entrechtete Mensch: Oleg Myrzak inszeniert Woyzeck im Theater unterm Dach

Der Woyzeck im Theater unterm Dach in der Danziger Straße 101 ist sehenswert: ein politisch brisantes Drama in minimalistischer Reduzierung. 

Weitere Vorstellungen im September 2014.

http://www.theateruntermdach-berlin.de/kontakt-1.html
MG_6901 Kopie Woyzeck und der Doktor

In Oleg Myrzaks neuer Inszenierung von Georg Büchners Woyzeck ist die Hauptfigur ein armer Putzteufel. Frau Hauptmann, Sachbearbeiterin eines Jobcenters, in Gestalt einer kaltblütig-effizienten und ungemein schlanken Domina mit knallroten High-Heels in eng anliegendem schwarzem Aufzug mit blonder Hochsteckfrisur demütigt ihn immer dann besonders, wenn sie offenkundig oberflächlich dahersagt, dass er sicher die besten Absichten habe. Wenn sie ihn zu Eingliederungsvereinbarungen und Maßnahmen zwingt, untermalt sie dies mit Peitschenschlägen – unter beklemmend korrektem Verweis auf den Wortlaut der entsprechenden Paragraphen des SBG II. Behilflich ist ihr ein ebenfalls reichlich selbstgerechter und aufgesetzt fröhlicher Doktor, offenbar ein Arzt des medizinischen Dienstes, den die Jobcenter nutzen. Er bezeichnet Woyzeck unverhohlen als Vieh oder tierische Bestie undbringt ihn dazu, sich wortwörtlich zum Affen zu machen. Dann wieder nennt er ihn ebenso grundlos oft genug einen guten Menschen. Er untersucht Woyzeck stets aufs Neue, da er ihm eine strikte Erbsendiät und obskure Medikamente verschrieben hat. Dabei führt er ihn vor: Frau Hauptmann, seiner Geliebten Marie oder auch nur sich selbst, denn ein Recht auf Privatsphäre gibt es für Woyzeck offenbar nicht. Die Erbsendiät samt der Drogen vergiftet den bereits ohnehin depressiven Woyzeck zunehmend, verursacht ihm immer schwerere Halluzinationen und lässt seine bestehende psychische Instabilität eskalieren. Dabei versucht Woyzeck nur, das beste aus seiner Situation zu machen und bemüht sich redlich um Anerkennung als Mensch.

Bereits der kritische junge Mediziner Büchner konzipierte in seinem Woyzeck-Drama den Doktor als Quacksalber und stellte seine pseudowissenschaftlichen Experimente mit der ausschließlichen Erbsenkost als grauenhaften Zynismus dar. Die Idee hinter der Erbsendiät von Büchners Professor Justus Liebig Anfang des 19. Jahrhunderts war, die Kosten für die Ernährung des Proletariats zu senken, indem man ihm ausschließlich Hülsenfrüchte verabreichte statt gemischter und gelegentlich fleischhaltiger Nahrung. Das ging gründlich daneben. Myrzak wählte Büchners Woyzeck offenbar gerade deshalb, weil der Dramatiker ein politischer Kämpfer des deutschen Vormärz war, der sich in der radikal-freiheitlichen „Gesellschaft der Menschenrechte“ besonders für die ausgebeutete einfache Bevölkerung und gegen die Verschwendungssucht des Adels engagierte. Er verbreitete u.a. die bis heute oft zitierte Flugschrift „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ und entging nur knapp den Polizei-Schergen, die im damals herrschenden Klima der Angst und Unterdrückung Jagd auf ihn machten.

Bei Büchner ist Woyzeck der Knecht eines Hauptmanns, der sich in seiner Arbeit aufreibt, dafür nichts als Lächerlichkeit erntet und sich dennoch zu seinem mageren Salär noch Geld hinzu verdient, indem er an einem windigen medizinischen Experiment teilnimmt, um seine Geliebte und das gemeinsame uneheliche Kind zu unterstützen. In Myrzaks Inszenierung ist Woyzeck noch entrechteter: er kann sich nicht einmal seine Arbeit selbst suchen, geschweige denn seine hier hochschwangere Freundin Marie richtig unterstützen – obwohl er sich Geld vom Munde für sie abspart. Auch vor den Zudringlichkeiten des Doktors, der die junge Frau beiläufig sexuell ausbeutet, kann er sie nicht schützen. Statt dessen muss er ertragen, dass ihm Frau Hauptmann und der Doktor vorhalten, er habe keine Moral und sei ein Mensch ohne Tugend. Dabei entgeht ihm nicht, wie aufgesetzt und leer der beiden Emphatielosen angemaßte menschliche Höherwertigkeit ist, da sich die beiden mitunter zu einem animalisch kalt-erotischen tête-à-tête hinreißen lassen. Was zeigt, weshalb sie Woyzeck gern als tierische Jahrmarktsattraktion hinstellen. Myrzaks Woyzeck vermag das alles zwar zu durchschauen und gelegentlich recht treffend in einfach-bildhafter Sprache zu beschreiben. Allein, er akzeptiert leider von Grund auf, dass er ein armer Unterschichten-Teufel und den selbst ernannten Gutmenschen ausgeliefert ist.

Deutlich selbstbewusster stellt Myrzak Marie dar, die hartnäckig ihren Glauben ans Leben unter den widrigen Umständen einer unehelichen Schwangerschaft in Armut behauptet. Immer wieder spricht sie liebevoll-beschützend mit ihrem werdenden Kind, verteidigt es leidenschaftlich und spricht sich selbst damit Mut zu. Fühlbar leidet sie unter Woyzecks Psychosen, steht dennoch zu ihm, bäumt sich aber auch auf gegen eine Existenz, in der ihr nichts gegönnt wird. Sie kämpft unkorrumpierbar um ihr Stück vom Glück, auch wenn das heißt, dass sie sich zum Objekt der Begierde des Doktors machen lässt. Sie ist sich bewusst, dass sie als loses Frauenzimmer, als Hure gesehen wird – und bleibt doch eine durch und durch reine Figur, der es als Einzige gelingt, dem zunehmenden Wahn Woyzecks und dem Wahnsinn der Verhältnisse in Gestalt des Doktors und Frau Hauptmanns die Stirn zu bieten.

MG_6465 Kopie Frau Hauptmann, Marie, Woyzeck und der Doktor

Die neue Inszenierung des Woyzeck im Theater unterm Dach in der Danziger Straße 101 ist minimalistisch. Das Bühnenbild besteht aus einem Personenleitsystem, einigen schwarzen Aufstellpfosten mit ausziehbarem rotem Absperrband in einem kleinen komplett schwarzen Raum – was für ein ziemlich klaustrophobisches Gefühl im Publikum sorgt. Die über zwanzig Figuren in Büchners Dramenfragment sind auf vier Hauptcharaktere reduziert. Damit geht eine Konzentration auf die Konflikte des Stückes einher: ohne dass das Stück zusammengekürzt wurde, sind sie nun von vier Schauspielern zu tragen, die wichtige weitere Personen integrieren müssen. Timur Isik (Wyozeck), Katja Sallay (Marie), Fjodor Olev (Doktor) und Katharina Heyer (Frau Hauptmann) meistern diese Leistung bravourös und mit faszinierendem Spiel. Sie agieren in extremer Nähe zum Betrachter als handle es sich um eine Versuchslabor-Anordnung. Immer wieder konfrontieren sie das Publikum unmittelbar, indem sie an den imaginären Bühnenrand treten wie vor einen Polizeiverhör-Spiegel, der von ihrer Seite undurchsichtig ist, von Publikumsseite aber voll einsehbar, was ihren Figuren bewusst zu sein scheint. So werden die Zuschauer zu bedrängten Beobachtern, die sich in der unbequemen Situation wiederfinden, das Ausgeliefertsein von Woyzeck und Marie an ihre Peiniger zuzulassen und es wie in einer TV-Show mit zu verantworten.

Das Stück ist denn auch wie im Fernsehen mit Moderationen und musikalischen Einlagen durchsetzt, doch die Songs bieten nur vordergründig Leichtigkeit. Vielmehr sorgen sie wie bei Brecht dafür, dass das Drama nicht einfach kulinarisch als Pseudo-Realismus degoutiert werden kann. Komponiert hat die Songs Timur Isik. Sie sind so gut, dass man sich einen Soundtrack wünscht, zumal die jeweiligen Akteure beachtlich kunstvollen und differenzierten Gesang darbieten. Statt die Bühnenhandlung zu unterbrechen, sind die Songs integrale Bestandteile der Bühnenhandlung: Sie kommentieren oft die Szenen, dienen aber auch als Überleitung zwischen den Szenen, denn einen Vorhang gibt es nicht. Die Musik macht die perverse Handlung vom Untergang des Woyzecks nicht etwa leichter verdaulich, sondern dramaturgisch eindringlicher. Schließlich wird Musik nicht mit dem Verstand aufgenommen.

Der Text des Dramas ist in Myrzaks Fassung aus den verschiedenen Fassungen des Büchnerschen Dramenfragments zusammengesetzt und das ist gut so, denn nun sind die berührendsten Szenen zu sehen. An einigen Stellen ist der Text mit witzigen Anspielungen angereichert, aber auch mit grauenhaften Fakten, wie Originalzitaten aus Jobcenter-Dokumenten. Summa summarum ist diese Inszenierung dicht, spannend und entlässt die Zuschauer wohl kaum unbeeindruckt. Nach der ausverkauften Premiere war viel ausdrückliches Lob zu hören. Wenn Myrzak die Absicht hatte, zu verdeutlichen, was es auch heute noch heißt, entrechtet und ausgeliefert zu sein, so ist ihm das mit seiner Interpretation des Woyzeck gelungen. Menschenrechte stehen heute zwar im deutschen Grundgesetz, Theaterregisseure und Schauspieler finden sich nicht mehr umgehend nach der Vorstellung im Gefängnis wieder. Das ist aber auch schon alles.

WOYZECK von und nach Georg Büchner
Eine spielerisch – musikalische Reise durch die Stationen der menschlichen Abgründe.

Regie/Ausstattung/Bearbeitung:    Oleg Myrzak
Musik:                                            Timur Isik
Spiel:                                             Timur Isik (Woyzeck)
Katja Sallay (Marie)
Katharina Heyer (Frau Hauptmann)
Fjodor Olev (Doktor)

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